Kafka´s Messetagebuch - Fiber Days 2022, Teil 3/3

News aus dem Portal

Gerhard Kafka arbeitet als freier Fachjournalist für Telekommunikation in Egling bei München.

 

Innovative Lösungen im Glasfaserausbau

ELITEX GmbH mit Hauptsitz in Süddeutschland ist spezialisiert auf die Entwicklung, Herstellung und Vertrieb von Produkten, die im Bereich des passiven Glasfaserausbaus Anwendung finden. Das Produktspektrum umfasst: Kunststoffspritzguss mit eigenem Formen- und Werkzeugbau, Kunststofftiefziehen mit eigenem Formenbau, Metallverarbeitung, wie drehen, fräsen, schleifen und stanzen. Jedem dieser drei Fertigungsbereich ist eine eigene Entwicklungsabteilungen zugeordnet. Alle vertriebenen Produkte sind also im Hause entwickelt und gefertigt worden. Ingo Stark, Geschäftsführer fasst die Aktivitäten wie folgt zusammen: „Unser 2009 gegründetes Unternehmen ist Ideenschmiede und einer der führenden Hersteller von speziellen technischen Lösungen für den passiven Glasfasernetzausbauer. Mit Erfahrung und Know-how entwickeln und produzieren wir hochwertige Lösungen „Made in Germany“. Unsere Produkte sind praxis- und lösungsorientiert, konsequent durchdacht und anwenderfreundlich. Sie minimieren den Zeitaufwand, die Kosten und die Fehleranfälligkeit während und nach der Verlegung und schützen so langfristig die technische Sicherheit Ihres Netzes und damit aktiv den Werterhalt Ihrer Investition. Auf unsere Expertise vertrauen zahlreiche führende Planer, Kommunen, Stadtwerke, Zweckverbände, Tiefbaufirmen und Telekommunikationsunternehmen in ganz Deutschland.“

Elitex ist also sehr viel im passiven Glasfaserausbau unterwegs und der Meinung, in diesem Bereich viel gesehen, erlebt und hin und wieder auch zu ertragen haben. Aber eine Sache erstaunt selbst Elitex und Stark fragt sich: „Wie kommt man eigentlich auf so was? Es geht um eine Vorgehensweise die uns im Tiefbau mittlerweile öfter auffällt, wir nennen es das „Guckloch-Phänomen“. Lassen Sie mich kurz erklären um was es bei dem Bild geht. Durch den massiv vorangetriebenen Glasfaserausbau haben wir natürlich sehr viele Tiefbauarbeiten. Es kommt also durchaus vor, dass bereits bestehende Glasfaserrohrverbände im Rahmen unterschiedlich begründeter Tiefbauarbeiten wieder aufgegraben werden. Wenn diese dabei beschädigt werden haben wir schon darüber berichtet was dann getan werden kann, darum geht es aber hier nicht.“

Was hier passiert lasst sich wie folgt beschreiben: Die Tiefbaumitarbeiter sehen den Rohrverband, ohne ihn zu beschädigen, er wird einfach nur aufgegraben. Um sich aber zu vergewissern ob die Stelle gefährlich und man vorsichtig weitergraben muss, wird geprüft ob die Rohranlage mit einem Glasfaserkabel belegt ist. Es wird dann mit einem Messer ein kleines V-Förmiges Guckloch in die Mikrorohre geschnitten um diese zu prüfen. In dem gezeigten Bild konnte rechtzeitig verhindert werden, dass auch alle anderen Rohre mit einem solchen Guckloch versehen werden. Auf Rückfrage wurde bestätigt, dass dies eine gängige Praxis sei, um eine Belegung zu prüfen. Spontan wurde in diesem dokumentierten Fall eine Kurzschulung vor Ort durchgeführt und den Beteiligten gezeigt, welche andere Möglichkeiten existieren, um die Belegung von bereits verlegten Kabeln festzustellen.

Dieses Beispiel aus der täglichen Praxis beschreibt ein mittlerweile weitverbreitetes Problem im passiven Glasfaserausbau: Die mangelnde Ausbildung und Schulung der Arbeiter vor Ort, kurz gesagt Fachkräftemangel. Es ist bestimmt richtig den Glasfaserausbau voranzutreiben, denn er bedeutet für unsere Zukunft einen wichtigen Wirtschaftsfaktor. Stark betont und mahnt: „Aber dennoch sollte man nur ab und zu anhalten, zurücksehen und aus dem Lernen was man da sieht. Hat man vor einigen Jahren noch Fachfirmen verlegen lassen, welche die Schulung Ihrer Mitarbeiter nachweisen mussten, so reicht es heute offensichtlich, dass man einen kennt der einen kennt der einen Bagger hat. Man sollte dabei auch nicht vergessen das es in vielen Vorhaben den geförderten Ausbau mit Steuergeldern gibt und dass betrifft uns alle.“

 

Erfolgsprojekt Neckar-Odenwald-Kreis

Ein interessantes Projekt für den erfolgreichen Glasfaserausbau auf Landkreisebene präsentierten Landrat Dr. Achim Brötel und Breitbandversorgung Deutschland GmbH (BBV) Geschäftsführer Frank Bonnemeier. Unter den Marken BBV Rhein-Neckar, BBV Thüringen und „toni“ in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vermarkten jetzt aktuell die Regionalgesellschaften der BBV Deutschland über die Glasfaser schnelle, symmetrische Internetdienste sowie Telefonie- und TV-Dienste. Seit 2008 wurde im Neckar-Odenwald-Kreis in mehreren kleinen Ausbaustufen ein kreisweites FTTC-Netz mit insgesamt 429 MFGs errichtet. Damals hatten 97 % aller Anschlüsse Zugriff auf Datenraten bis zu 100 Mbit/s und man belegte damit einen Spitzenplatz in Baden-Württemberg.

Der Landkreis definierte dann 2016 einen FTTH/B-Glasfaserausbau als langfristiges Ziel, um u. a.:

  • wettbewerbsfähig zu bleiben und den Standort NOK zu stärken
  • Abwanderung von Unternehmen und Arbeitsplätzen zu vermeiden
  • attraktiv für junge Familien zu sein.

In einer zweiten Stufe sollten Schulen, Gewerbegebiete und außerörtliche Liegenschaften ebenfalls Breitbandanschlüsse erhalten. Dafür standen rund 29 Mio. € Fördermittel bereit. Allerdings führte eine europaweite Ausschreibung zu keinen akzeptablen Angeboten. Deshalb suchte man neue Wege. Dabei entstand die Idee: „In Landkreisdimensionen denken.“

Im Oktober 2019 gab es die ersten Kontakte zu BBV. Die stellte ein Modellvorhaben mit dem damals bundesweit einmaligen Ansatz für den beschleunigten Ausbau mit folgenden Eckpunkten vor:

  • Flächendeckender Glasfaserausbau durch BBV (insgesamt 44.000 Gebäude) bis Ende 2024
  • Der Landkreis und alle 27 Kommunen unterstützen dieses Pilotmodell im Rahmen der gebotenen Marktneutralität bei der Vermarktung der Glasfaser
  • Unterstützung bei der Entwicklung eines flächendeckenden, landkreisweiten Ausbaukonzepts und Schaffung neuer optimierter Standards für beschleunigte Genehmigungen
  • Komplett privatwirtschaftlich und ohne öffentliche Zuschüsse finanziert.

Mit dem Plan für den Glasfaserausbau entstand auch ein neues Geschäftsmodell und eine Änderung beim Vorgehen. Die bisherige schrittweise Vermarktung und der Ausbau jeweils einer einzelnen Kommune regte zum Denken in einer höheren Dimension an. Zusammenfassend ergaben sich folgende Fragen und Fakten:

  • Erfahrungswerte fehlten, denn noch kein Netzbetreiber hat den Ausbau eines ganzen Landkreises geplant und realisiert
  • Welche Nachfrage ist zu erwarten? Der VDSL-Ausbau ist erst zwei Jahre her, und teilweise besteht eine Versorgung über das koaxiale Kabelnetz
  • Wie gestaltet man die gleichzeitige Vermarktung in allen 27 Kommunen des NOK?
  • Festlegung einer neuen Zieldefinition: 20 % aller Haushalte und Betriebe (ca. 13.500 Verträge) sollen innerhalb von neun Monaten gewonnen werden
  • Die Mutter Infracapital finanziert die Projektkosten in Höhe von 125 Mio. €, wenn dieses Ziel erreicht ist
  • Die aktive Vermarktung erfolgte in Pandemiezeiten von Juli 2020 bis März 2021, wobei nur wenige Info-Veranstaltungen und Info-Mobil-Einsätze vor Ort möglich waren
  • Deshalb wurden auch vermehrt Online-Tools zur Information der Verbraucher eingesetzt und Direktvertrieb verstärkt sowie Partnerschaften mit IT-Firmen (Premiumpartnern) und Vereinen vor Ort geschlossen.

Landrat Brötel erinnerte sich: „Wir mussten Vertrauen in Glasfasernetz und Produkte durch offene Kommunikation schaffen.“ Daraufhin wurden die Bürger über verschiedene Kommunikationskanäle sowie die lokale Presse gezielt informiert. Zu den vielfältigen Werbemaßnahmen zählten u.a.: Trinkbecher und Brötchentüten, Zapfpistolen an Tankstellen, Tankstellenwürfel, Werbeanhängen, Brückenbanner und Informationen an Einkaufswagen. All dies zusammen führte zum Abschluss von 24.500 Verträgen. Das geplante Glasfasernetz umfasst 27 Kommunen mit ca. 144.000 Einwohnern, die sich auf rund 43.500 Gebäude mit ca. 67.200 Wohnungen verteilen. Es soll bis Ende 2024 fertiggestellt sein, bei Projektkosten von ca. 125 Mio. €. Die Aufklärung der Bevölkerung und Benennung von Ansprechpartnern sind wichtige Gesichtspunkte. Schließlich gilt es Verständnis für die Abläufe zu schaffen: Der Landkreis bekommt ohne Kosten ein flächendeckendes Netz, aber BBV muss langfristig auch Gewinne erwirtschaften.

 

Die Fiber Days 2023 werden am 15. & 16. März 2023 ausgerichtet.

 

Dieser Beitrag erscheint in der Reihe: "BEL2 nachgefragt!". Lesen Sie HIER die weiteren Artikel von Gerhard Kafka!

 

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